Hier: Hellebarde und Armbrust. Dort: Patrioten und Neonazis.

Res Perrot
Tells Söhne
Kriminalroman 
312 Seiten, CHF 19.90
ISBN 978-3-8392-1609-5
Gmeiner Verlag


von Rolf Dorner

Mit Tells Söhne legt Res Perrot nach Bauernopfer und Wie der weisse Tod seinen dritten Kriminalroman vor. Soviel vorweg: Wieder handelt es sich um einen psychologisch überzeugenden, spannenden Krimi.

Die Ausgangssituation: Im Garten eines Versicherungs-Direktors in Langnau wurde ein Hut auf einer vier Meter hohen Stange platziert. Ein Gesslerhut? Dann geht ein anonymer Zettel ein. Der Text: «Den nehm ich jetzt heraus aus eurer Mitte.» Das Zitat stammt aus Wilhelm Tell. Eine Drohung? Nachdem im Garten noch eine Puppe gefunden wurde, mit einem Pfeil im Kopf, und der Versicherungs-Direktor plötzlich spurlos verschwindet, hat der Zürcher Wachtmeister Paul Grossenbacher einen schwierigen Fall voller Widersprüche vor sich.

Hat der Tote in Andelfingen auch mit dem Fall zu tun? Er wurde mit einer Hellebarde umgebracht. Gesslerhut, Puppe mit Pfeil im Kopf: Im Langnauer Fall steht unvermittelt eine Armbrust als Tatwaffe im Mittelpunkt. Die auffallenden Parallelen zu Tell zwingen Grossenbacher, den in der Schule so verhassten Klassiker Wort für Wort zu lesen.

In Tells Söhne, wieder ein fesselnder Kriminalroman, recherchiert Wachtmeister Grossenbacher unter Nationalisten, enttäuschten Patrioten, Skinheads und Neonazis. Er befasst sich mit mittelalterlichen Kampftechniken und Waffen, Zitaten aus dem Tell und interessiert sich für die jährlich wiederkehrende Gedenkfeier der Schlacht von Sempach und den jeweiligen Naziaufmarsch.

Der Tote in Andelfingen soll sich energisch und erfolgreich gegen eine Feier der Neonazis im Ort eingesetzt haben. Das kommt Grossenbacher so vor wie die Geschichte mit Winkelried. Auch dieser musste sterben, weil er sich selbstlos vor die anderen gestellt hatte.

Schliesslich stösst der Wachtmeister auf die Spur der 1990 in der Schweiz entlarvten Geheimarmee P-26 und eines ihrer Kadermitglieder. Grossenbacher fragt sich, ob die Geheimarmee heute im Untergrund arbeite. Der Spruch eines Kollegen fällt ihm ein: «Man muss das Unwahrscheinliche denken, um Motive zu erkennen.»

Tathandlungen, Tatumstände, das Umfeld, Opferprofile und mögliche Motive werden erneut unter die Lupe genommen und zusammengesetzt. Endlich: Eine alte stillgelegte Festungsanlage des Schweizer Militärs bringt Grossenbacher auf die entscheidende Spur!

Perrots Wachtmeister ist ein schrulliger, hartnäckiger Mann. Sein Handeln fasziniert, fesselt und unterhält. Dem Autor gelingt es, den kauzigen Ermittler glaubhaft und psychologisch nachvollziehbar agieren zu lassen. Grossenbacher eckt da und dort durch seine mürrische Art an, doch das macht ihn zu einem liebenswerten Original.

Es bleibt zu hoffen, dass es sich bei Tells Söhne nicht um den dritten Band einer abgeschlossenen Trilogie handelt, sondern um den dritten Kriminalroman einer Serie, einer Erfolgsserie, wie man bereits voraussagen kann.

Res Perrot, 1960 in Zürich geboren, wuchs im Bernbiet auf und lebt heute wieder im Kanton Zürich. Nach dem Besuch der Schule für Gestaltung in Bern arbeitete er als Grafiker, Art Director und Creative Director in verschiedenen Werbeagenturen, bis er sich selbstständig machte. Als Musiker tourte er mit diversen Formationen und war an einigen Schallplattenproduktionen als Bassist oder Produzent beteiligt. Seit ein paar Jahren widmet sich Perrot neben dem Schreiben mit Hammer, Meissel und Leidenschaft der Bildhauerei.

Rückblick: 2010 erschien in der Edition LEU Bauernopfer, Res Perrots erster Kriminalroman, für den er die Figur des Zürcher Wachtmeisters Paul Grossenbacher erfunden hatte und auf einen (vermeintlichen) Sexualmörder ansetzte. Valentin Roschacher, alt Bundesanwalt, bezeichnete das Werk als «eine unheimlich reale Fiktion». Der überzeugende Krimi wurde zusammen mit zwei weiteren für den Zürcher Krimipreis 2010 nominiert und errang den zweiten Platz von elf Bewerbungen.

Res Perrot blieb mit seinem Wachtmeister Paul Grossenbacher am Ball! Ein Jahr später erschien, wieder in der Edition LEU, Wie der weisse Tod, sein zweiter Kriminalroman. Dieses Mal hatte es der Wachtmeister gleich mit mehreren dubiosen Fällen zu tun. Immer wieder erschüttern Familiendramen mit anschliessendem Selbstmord die Schweiz. Motive sind nicht zu erkennen. Falsche Versprechen, Geld, Gier und Schenkkreise scheinen im Mittelpunkt zu stehen.