Paul Grossenbacher und der Morast von Zürich

von Al’Leu

Tells Grab ist der vierte Zürich-Krimi von Res Perrot. Für seinen Romanhelden Paul Grossenbacher wird der Kampf gegen die Kriminalität in Zürich immer mehr zur Lebensaufgabe.

Zeitgemässe Kriminalromane thematisieren die Schattenseiten der vermeintlichen Freiheit und des expandierenden Wohlstandes.

Im Rahmen ihrer Handlungsverläufe zeigen sie auf, dass unser Leben schrecklich und kurz sein würde, wenn die Gier der Menschen freie Bahn hätte. Wenn die öffentliche Ordnung nicht mehr durch Polizei und Justiz gewährleistet werden könnte, wäre es um die Werte, die eine einigermassen friedliche Gesellschaft zusammenhalten, schnell geschehen. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein war davon überzeugt, dass in Kriminalromanen mehr Philosophie stecke, als in philosophischen Fachzeitschriften.

Res Perrot zeigt in seinen Büchern, dass Anstand und Friedfertigkeit nur der Puderzucker auf sich ständig optimierendem Profit und Egoismus ist. Genaues Recherchieren und ein grosser Realitätsbezug sind charakteristisch für sein Schreiben.

Zentralmotiv in seinem neuen Roman Tells Grab ist ein archaischer Ehrenkodex, der mit den Wertvorstellungen des modernen Lebens in Zürich nicht vereinbar ist. Auf der Baustelle des Parkhauses Opéra am Bellevue in Zürich, wird im Rahmen der Ausgrabungsarbeiten von neu entdeckten Pfahlbauten, eine mumifizierte Frauenleiche entdeckt. Schnell ist klar, dass die Tote nicht aus der Jüngeren Bronzezeit stammt und dass sie nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Jemand hat die Frau lebend verscharrt. Wer gräbt so tief, um ein Verbrechen zu vertuschen? Wachtmeister Paul Grossenbacher wird mit den Ermittlungen beauftragt und muss sich ganz real durch Zürichs Dreck wühlen. Der Zusammenprall verschiedenartiger kulturell bedingter Wertvorstellungen und Weltanschauungen strapaziert Wachtmeister Paul Grossenbachers Nerven aufs Äusserste ...

Res Perrots Romanfigur Wachtmeister Paul Grossenbacher von der Zürcher Kantonspolizei kann mit seiner Körpergrösse von 182 cm als «stattliche Erscheinung» bezeichnet werden. Seine Neigung zum Übergewicht beweist seine Personenwaage regelmässig, indem sie hartnäckig eine knappe dreistellige Zahl anzeigt. Auch optisch liegen dafür eindeutige Beweise vor. Sein zur Expansion neigender Bauch unddie Fettansammlungen um seine Taille gewinnen an Dominanz. Seine Haarpracht ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Ihre schleichende Ausforstung wird durch eine starke Schuppenbildung begleitet.

Es gibt Tage, an denen ist er ordentlich rasiert. Sein Gesicht wird von einer ungewohnt grossen Nase beherrscht. Die meist leicht verschlafenen Augen sind dem «treuen Blick» eines Bernhardiners verwandt. Beim Gehen fällt seine leicht vornübergebeugte Körperhaltung auf. Er neigt zu unkontrollierten fahrigen Bewegungen und ist aufbrausend. Er kratzt sich viel. Bevorzugt in den Haaren. Man kann Paul Grossenbacher problemlos als egoistisch und egozentrisch bezeichnen, dessen Handeln der Devise folgt: «Der Adler fliegt allein, die Raben scharenweise».

Das Rauchen hat er sich vor Jahren abgewöhnt. Er ist mehr phlegmatisch als sportlich. Bei Stress oder in Eile hinkt Grossenbacher leicht mit dem rechten Bein. Böse Zungen sind der Meinung, es handle sich um einen Tic. Es ist aber die Spätfolge einer Schussverletzung am rechten Knöchel. Sie stammt von einer Schiesserei, die er mit einem Drogenkurier im Zürcher Shop-Ville hatte. Damals wurde er angeschossen, noch bevor er einen Schuss abgeben konnte. Nachzulesen ist dies im Roman Bauernopfer.

Paul Grossenbachers Stärke ist sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Sein beinahe fotografisches Gedächtnis wird oft bewundert. Er besitzt auch ein akrobatisches Talent, das ihm als Zeitvertreib bei ausgedehnten Bürostunden dient: Er kann einen Bleistift lange Zeit auf der Nase balancieren.

Apropos Bürostunden: Grossenbacher ist nach wie vor von seiner Idee überzeugt, dass es nicht mehr als gerecht wäre, wenn man für die Arbeitszeit und die Freizeit eine Zeit sortierende Uhr einführen würde, die dank eines asymmetrischen Antriebs die Präsenzpflicht bei der Arbeit erheblich verkürzt, um die so gewonnene Zeit automatisch als Guthaben auf die Freizeit zu übertragen.

Wachtmeister Grossenbacher fuhr früher einen alten rostigen Renault Mégane. Zur Zeit benutzt er einen ausrangierten Dienst-Volvo.

Paul Grossenbacher ist seit zwölf Jahren mit Anna Kämpf verheiratet. Sie wohnen in einer 4-Zimmer-Wohnung im vierten Stock oberhalb des Goldbrunnenplatzes am Anfang der Friesenbergstrasse in Zürich. Anna arbeitet als Turnlehrerin an der Kantonsschule Enge. Das Zusammenleben mit Paul ist für Anna nicht einfach. Sein Mangel an Gemeinschaftssinn macht ihr das Leben schwer. Dann ist da noch seine Unfruchtbarkeit, die nach diversen medizinischen Tests festgestellt wurde. Ich Anna wünscht sich Kinder. Zudem trinkt Paul zu viel. Sie hat das Gefühl, dass seine Liebe dem Bier gehört. Der Umgang mit der Staatsanwältin Oberli und die Wertschätzung ihrer langen Beine beweisen jedoch, dass attraktive Frauen Paul Grossenbacher nicht kalt lassen.

Auf ihrer ersten Südfrankreichreise haben Anna und Paul eine alte Ruine entdeckt. Seitdem träumen sie davon, diese in ihren Ferien zu renovieren.

Paul Grossenbacher wurde am 25. Januar 1969 in Konolfingen im Emmental geboren, wo er als Einzelkind aufwuchs. Sein Vater war Lebensmittel-Ingenieur bei der 1892 gegründeten, 1971 von Nestlé übernommenen Berneralpen Milchgesellschaft, die seit 1903 die berühmte Stalden - Creme produziert. Die Mutter arbeitete halbtags als Lehrerin an der Dorfschule und betreute die Sonderklasse von Konolfingen. Paul war ein dickes Kind, das von seinen Klassenkameraden gehänselt wurde.

Trotz seiner behüteten Jugend neigte er zu eigenbrödlerischem Verhalten und hatte eine Vorliebe für dasAlleinsein. Es fehlte ihm nicht an Intelligenz. Er hatte einfach keine Lust zu zeigen, was wirklich in ihm steckt. Eine leichte Leseschwäche erleichterte ihm seine Tarnung. Niemand, weder die Lehrer, noch seine Mutter, fanden je heraus, wie weit diese echt oder nur Theater war. Mit etwas gutem Willen brachte er sogar akzeptable Zeugnisse nachhause.

Er schaffte einen zufriedenstellenden Schulabschluss. Da er keine besonderen Interessen hatte, trat er ins Gymnasium ein. Brach jedoch seine Schulpräsenz bald ab. Auch die Berufslehre als Bauzeichner war nicht von Dauer. Nach verschiedenen Gelegenheitsarbeiten und der Pontonier-Rekrutenschule im aargauischen Bremgarten schloss er die Bauzeichnerlehre doch noch ab. Nach diversen Jobs und einer Weltreise absolvierte er bei der Zürcher Kantonspolizei die Polizeischule.

Trotz seinerausgeprägten Abneigung gegen Obrigkeiten arbeitete er sich bis zum Wachtmeister mbA, «mit besonderen Aufgaben» hoch.

Paul Grossenbachers Jugendtrauma ist in der ungerechtfertigten Anschuldigung seiner Französischlehrerin verankert, bei einer schriftlichen Prüfung beim Nachbarn abgeschrieben zu haben, obwohl er immer alleine an einem Pult sass. Sie kündigte ihm an, dass er deswegen eine Eins als Note erhalten werde, egal wie gut seine Prüfung ausfalle. Daraufhin legte Paul sein Schreibzeug beiseite, um zu warten bis die Stunde vorüber war. Das missfiel der Lehrerin. Sie forderte ihn auf, weiter an der Prüfung zu arbeiten. Er war der Ansicht, dass dies keinen Sinn mache, da er so oder so eine Eins bekomme. Diese Begründung machte die Lehrerin so wütend, dass sie ihm einen entsprechenden Eintrag ins Zeugnis machte, was wiederum dem  Gerechtigkeitssinn von Paul zuwiderlief. Nach dieser Erfahrung verabscheute er alles was mit Sprache zu tun hatte. Noch heute versucht Paul Grossenbacher jede Form von schriftlicher Sprachanwendung zu vermeiden.

Das Besondere in Res Perrots Romanen ist jeweils eine Jugenderinnerung von Paul Grossenbacher: Im Roman Bauernopfer ist es eine überraschende Erfahrung beim Fischen. In Wie der weisse Tod macht er eine traumatische Erfahrung mit einer Lawine während einem Skilager in St. Antönien und in Tells Söhne erlebt er hautnah den Irrsinn eines Lehrers der seine Vespa missbraucht.

Wieviel Res Perrot in Paul Grossenbacher und wieviel Paul Grossenbacher in Res Perrot steckt, kann man nur herausfinden, wenn man seine spannenden Kriminalromane liest.