Lorenz Frey folgt in seinen drei Romanen: Die Wahrheit beginnt mit einer LügeLügen haben lange Beine und Am Ende der Lüge bleibt Schwindel dem turbulenten Lebenswandel des rational-materialistischen Egoisten Paul Bütikofer.

Paul Bütikofer, die Hauptfigur von Lorenz Freys Romanen, ist ein erfolgreicher Bankmanager, bis er selbst zum Opfer seines genialen Organisationstalentes wird. Lorenz Frey schildert in seinem ersten Roman Die Wahrheit beginnt mit einer Lüge die plötzlichen Turbulenzen in der Biografie von Paul Bütikofer, dessen Interessen vor allem um Prestige, Besitz, Statussymbole und Geld kreisen. Um seinen gesellschaftlichen Status aufrecht zu erhalten, muss er seine Zukunft mit einem raffinierten Konstrukt aus Lügen sichern und entwickelt ein bewundernswürdiges Talent als Blender. Trotz präziser Lebensplanung, raffinierten Businesskonzepten und ausgeklügeltem Sicherheitsmanagement laufen alle seine Zukunftsvorstellungen vollständig aus dem Ruder.

In Lorenz Freys zweitem Roman Lügen haben lange Beine ist der bisher aussergewöhnlich erfolgreiche Paul Bütikofer am Tiefpunkt seines beruflichen Werdegangs angekommen. Genau genommen ist es so etwas wie eine Gnade, dass er vom Sozialamt Erlenbach einen niederschwelligen Arbeitsplatz angeboten bekommt. Doch sein Lebenswille ist mindestens so stark und zäh wie der einer Katze. Alle seine bisherigen wirtschaftlichen Spitzenleistungen haben in diesem Roman ihren Glanz verloren. Paul Bütikofer hat keine andere Wahl, er muss in den berüchtigten sauren Apfel beissen und die angebotene Arbeit annehmen. Paul Bütikofer bleibt auch in dieser für ihn äusserst unangenehmen Situation mit Leib und Seele Unternehmer. Er entdeckt bald das grossartige Karrierepotenzial, das in der Institution «Sozialamt» schlummert. Mit Logik, Raffinesse, Ideenreichtum und Konsequenz baut er Zug um Zug seinen beruflichen Aufstieg aus.

Im neuen Roman Am Ende der Lüge bleibt Schwindel steht Paul Bütikofer nach schlimmen Erfahrungen endlich wieder dort, wo er nach seiner Ansicht hingehört: an der Spitze der Gesellschaft und auf dem Gipfel seines Erfolgs.
Von seinem Balkon aus sieht Paul Bütikofer auf das gegenüberliegende Kleinbasel und den Rhein. Der Fluss scheint ihm omnipräsent in dieser Stadt. Dieser Fluss, so kommt es ihm immer wieder vor, habe ihn hierher gespült. Ein Hauch Wehmut umspielt ihn. Irgendwie spürt er, dass auch andere Seiten in ihm schlummern. Neuerdings bedrängt ihn die merkwürdige Frage: «War es das jetzt?» Sie kommt zweifellos aus seinem Innern, was ihn genauso überrascht wie verwirrt.
Regen sich in seiner Persönlichkeit Veränderungen? Schafft sich Paul Bütikofer neue Prinzipien? Wieso hat er plötzlich das Bedürfnis, sein Handeln zu hinterfragen? Will er gar ein besserer Mensch werden? Öffnen sich unbekannte Schwachstellen in seiner Persönlichkeit? Oder macht sich bei ihm einfach nur das Alter bemerkbar?
Paul Bütikofer hat zur Zeit das unangenehme Gefühl, dass seine Existenz in ihrem Kern aus Langeweile und Einsamkeit besteht. Nicht zum ersten Mal bedrängt ihn die Frage: «Was für Ziele habe ich noch in meinem Leben?» Für den Lebemann Bütikofer ist es neu, sich Gedanken über sich selbst zu machen. Das irritiert ihn.
Er hatte in grauer Vorzeit eine Frau und zwei Kinder. Genoss ein bemerkenswertes Ansehen als erfolgreicher Unternehmer. Besass einen schönen Bentley und ein grosses Haus. Auch aktuell mangelt es ihm nicht an finanzieller Potenz. Tatsache für ihn ist, dass er in seinem Leben gemein und schamlos hintergangen wurde, nicht zuletzt von seiner Frau. Ein unverrückbarer Pfahl in seinem Selbstwertgefühl ist die Erfahrung, zerstört am Boden zu liegen und den ganzen Besitz verloren zu haben. Soll er wirklich das Risiko eingehen und seinem besitzorientierten Leben eine neue Richtung geben? Vielleicht sogar ein besserer Mensch werden?
Dann steht plötzlich ein Teil seiner Vergangenheit vor der Tür und fragt, ob er reinkommen kann, in sein jetziges Leben? Überfluten nun die Dämonen der Vergangenheit Paul Bütikofers Gegenwart? Dann entdeckt zu allem Überfluss noch ein Mitarbeiter, dass Paul Bütikofers Doktoren-Titel gefälscht sind.

In seiner Roman-Trilogie Bilanz der Lüge folgt Lorenz Frey dem businessgläubigen Paul Bütikofer mit viel Ironie, Humor, aber auch mit bemerkenswertem Scharfsinn auf die Gipfel und durch die Sümpfe der sogenannten freien Marktwirtschaft. Was sich in Lorenz Freys Romanen vordergründig als filmreife Komödie gebärdet, thematisiert in ihrem Innern existenzielle Fragen wie die, nach dem Umgang mit der «Lüge» und der «Wahrheit» im beruflichen und privaten Umfeld. Der sogenannte «Radikale Konstruktivismus» beruft sich ja auf die mehr oder weniger geniale Erkenntnis, dass es gleichviel «Wahrheiten» wie Menschen gibt. Aus dieser Tatsache nährt sich ein grosser Teil der immensen Kraft der Lüge. Schon Immanuel Kant war überzeugt, dass der Mensch eine natürliche Neigung zur Lüge habe. Für ihn ist sie «der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur.»
Bewusstes, vorsätzliches Lügen stellt die Fachleute der Psychologie vor oft nahezu unüberwindbare Probleme. Einer von ihnen, Léon Wurmser, verweist auf die institutionelle Verankerung der bewussten Lüge in Krankenhäusern, Universitäten, aber auch in Politik, Kultur, Medien und Wirtschaft. Er selbst habe kaum je in einer Institution gearbeitet, in der lügen nicht zu einem Hauptinstrument der Macht, der Administration geworden ist und die Weigerung, daran teilzunehmen, als Schwäche oder gar als Verrat behandelt worden wäre. Und Friedrich Nietzsche war der Meinung: «Wer nicht lügen kann, weiss nicht, was Wahrheit ist.»

Wieso handelt Lorenz Freys Romanfigur Paul Bütikofer so und nicht anders? Lorenz Frey gibt in seinen Romanen der Diskussion um «Lüge» und «Wahrheit» und somit von «Gut» und «Böse» in der Wirtschaft und im Privatleben eine zeitgerechte literarische Form. Genaugenommen stellen seine Romanhandlungen aber auch Fragen nach dem Preis der «persönlichen Freiheit» und der «offenen Gesellschaft». Lorenz Frey lässt uns in seinen Büchern spüren, dass das Leben oft gerade dann seinen humoristischsten Höhepunkt hat, wenn es besonders tragisch ist.

Ich wünsche Lorenz Frey mit seinem neuen Roman Am Ende der Lüge bleibt Schwindel viel Erfolg und seiner Leserschaft eine spannende und überraschungsreiche Lektüre.

Al’Leu