Zum dreissigjährigen Verlagsjubiläums schenkt sich die Edition LEU eine Krimi-Reihe.

Anlässlich des dreissigjährigen Verlagsjubiläums der Edition LEU haben wir mit der Publikation von Roswitha Wegmanns Kriminalroman Der Fall Albenz den Startschuss für die Realisation des lange gehegten Wunsches nach einer Krimi-Reihe in unserem Verlag abgegeben.

Zwar haben wir bereits Romane in unserer Prosa-Reihe, die sich mit dem Thema Kriminalität und ihrem Dunstkreis auseinandersetzen. Da ist zum Beispiel Egidius Aeblis Müllers Aufbruch, Hans Guggenbühls kritischer Militärroman Schrittwechsel und der mysteriöse Alptag von August Guido Holstein.

Eine Krimi-Reihe in unserem Verlagsprogramm hat vor allem literarische Gründe. Im Gegensatz zu der literarischen Prosa, die neben einem starken Zeitbezug auch eine überzeitliche Aussage aufweisen soll und zugleich für sprachliche Experimente und für ihre hin und wieder unvermeidliche oder gewollte Sperrigkeit und mehr oder weniger dichte Hermetik Freiraum lassen soll, verlangt der Kriminalroman ganz andere Eigenschaften: In seinem Fadenkreuz sollen aktuelle Zeitprobleme stehen und diese in einer allgemein verständlichen Sprache zur Darstellung bringen. Er lebt von der Alltagsproblematik, von menschlichen Abgründen, die sich plötzlich unter einem geregeltem Alltagsleben auf tun. Ganz nach dem Simenonschen Diktum: «Am Morgen geht man als gewöhnlicher Bürger aus dem Haus. – Am Abend sitzt man als Mörder in Untersuchungshaft». In einem ernst zu nehmenden Kriminalroman wird die unvermeidliche Frage nach dem Mörder und seinen Hintergründen gestellt und hoffentlich auch nach den zuweilen ahnungslosen Co-Tätern in seinem Umfeld. Ein überzeugender Kriminalroman stellt die Frage nach den Strukturen des Bösen und ihren spezifischen Verankerungen in der Gesellschaft.

Es gibt natürlich höchst unterschiedliche Kriminalromane auf dem literarischen Markt: Da ist derjenige, der mittels rasanter Handlung den Täter oder die Täterin jagt. Aber wenig oder gar nicht nach den tieferen Umständen der Geschehnisse forscht. Diese Romane setzen auf den reinen Unterhaltungswert, wie beispielsweise die Serie Jerry Cotton. Dann sind da diejenigen Romane, bei denen die Grenzen zwischen Humor und Drama nebulös sind, und die das Lesepublikum vor allem mit den Reizen des Rätsels und der Maskierung in Atem halten, wie der Klassiker Edgar Wallace mit seinem Hexer oder die Krimi-Fürstin Agatha Christie mit den Romanen Das krumme Haus, Feuerprobe der Unschuld und Die Schattenhand. Dem Einzelmenschen und seinem Milieu widmen sich Georges Simenons zahlreiche Detektiv-Romane um Kommissar Maigret. In unserem Land hat Carl Albert Loosli mit seinem justizkritischen Roman Die Schattmattbauern das Fundament für den schweizspezifischen Kriminalroman gelegt.

Friedrich Glauser hat etwas später mit seinen Wachtmeister Studer – Romanen so etwas wie eine Schweizer Version von Kommissar Maigret geschaffen. Friedrich Dürrenmatt mit seinem unter die Haut gehenden Es geschah am helllichten Tag, Sam Jaun mit seiner spektakulären Brandnacht und Felix Mettler mit seinem wertekritischen Keiler haben mit ihren Romanen nicht nur die Handlungsthematik erweitert, sondern dem Kriminalroman zu einem überzeugenden literarischen Image verholfen, und ihn sogar in eine Wertposition gebracht, für die sich die universitäre Forschung interessiert.

In der Zwischenzeit deckt der moderne Kriminalroman höchst verschiedene menschliche Figurationen und gesellschaftliche Konstellationen im aktuellen Zeitgeschehen und die in ihm entstehenden Defizite ab. In jüngster Zeit ist in der Schweizer Literatur ein verstärkter Trend zum Kriminalroman mit starken Ortsbezügen zu beobachten: Neue Autoren, neue Namen erobern diese Gattung, mit neuen Ideen und andersartigen Perspektiven.

Roswitha Wegmann und Res Perrot sind zwei von ihnen. Ich wüsche ihren Erstlingskrimis Der Fall Arbenz und Bauernopfer den verdienten Erfolg.