Was man auch noch übers Lügen wissen muss

Paul Bütikofer, die Hauptfigur der beiden Romane von Lorenz Frey, ist ein erfolgreicher Bankmanager, bis er selbst zum Opfer seines genialen Organisationstalentes wird. Lorenz Frey schildert in seinem ersten Roman Die Wahrheit beginnt mit einer Lüge die plötzlichen Turbulenzen in der Biografie von Paul Bütikofer, dessen Interessen vor allem um Prestige, Besitz, Statussymbole und Geld kreisen. Um seinen gesellschaftlichen Status aufrecht zu erhalten, muss er seine Zukunft mit einem raffinierten Konstrukt aus Lügen sichern und entwickelt ein bewundernswürdiges Talent als Blender. Trotz präziser Lebensplanung, raffinierten Businesskonzepten und ausgeklügeltem Sicherheitsmanagement laufen alle seine Zukunftsvorstellungen dennoch vollständig aus dem Ruder.

Was sich vordergründig als filmreife Komödie gebärdet, thematisiert in ihrem Innern existenzielle Fragen wie die, nach dem Umgang mit der „Lüge“ und der „Wahrheit“ im beruflichen und privaten Umfeld. Das Nachdenken über die Wahrheit erweist sich aus philosophischer Sicht als besondere Knacknuss, da niemand überzeugend sagen kann, was „Wahrheit“ tatsächlich ist. In der Philosophie-Geschichte dominierte bis ins 19. Jahrhundert die auf Aristoteles zurückgehende „Korrespondenztheorie“ über das Wesen der Wahrheit. Nach ihr sind subjektive Aussagen genau dann wahr, wenn sie mit den Tatsachen in der objektiven Welt übereinstimmen. Erst Immanuel Kant vertrat eine differenziertere Theorie der Wahrheit, welche die Quelle der jeweiligen Erkenntnis thematisierte. Karl Marx’ „Dialektischer Materialismus“ brachte eine Widerspiegelungstheorie der Wahrheit hervor, die ganz im Dienst der Praxis stand und nur an ihr gemessen werden wollte. Der „Logische Empirismus“ vertritt eine Abbildtheorie der Wahrheit. Einer seiner Hauptvertreter, Ludwig Wittgenstein, formuliert die Wahrheit als eine „Gesamtheit der Tatsachen“. Die Denker des „Radikalen Konstruktivismus“ berufen sich auf ihre 'geniale' Erkenntnis, dass es gleichviel „Wahrheiten“ wie Menschen gibt. Dieses Sammelsurium von Definitionen über das Wesen der „Wahrheit“ zeigt eine bedenklich magere Ausbeute. Wesentlich ertragreicher ist der Begriff der „Lüge“. Schon König Salomon warnt im „Alten Testament“ vor dem Gewinnstreben durch die Lüge: „Wer Schätze erwirbt mit verlogener Zunge, jagt nach dem Wind und gerät in die Schlingen des Todes.“ Die  Bibel bezeichnet den Teufel als „Vater der Lüge“, weil er die Frechheit hatte, im Garten Eden Eva erstmals in der Menschheitsgeschichte anzulügen, damit sie endlich erfuhr, was nackte Wahrheit ist. Im neunten der „Zehn Gebote“ auf den Moses-Tafeln steht: „Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.“ Besonders interessant ist, dass die Bibel nicht grundsätzlich lügenfeindlich ist: Verwiesen sei auf die Geschichte der „Gefährdung der Ahnfrau“, in der sich der Stammvater Abraham durch Lügen das Überleben des Gottesvolkes sichert. In Genesis 27 erschwindelt Jakob durch eine Reihe von Lügen den väterlichen Segen, ohne dass das irgendwelche negativen Folgen für ihn gehabt hätte. Ähnlich liegt der Fall bei Tamar, die trotz Vorspiegelung falscher Tatsachen ausdrücklich als „gerecht“ dargestellt wird. Die Bibel weiss also, dass die Lüge unter bestimmten Umständen einer ausgewogenen Wahrheit dient. Augustinus war der erste Philosoph, der sich intensiv mit dem Wesen der „Lüge“ auseinander gesetzt hat. Er erkannte, dass jede Lüge kategorisch abzulehnen sei: „Die Lüge muss, um erfolgreich zu sein, das Vertrauen in die Wahrheit menschlicher Rede voraussetzen, das sie zugleich zerstört“. Nach Immanuel Kant besitzt der Mensch eine natürliche Neigung zur Lüge. Für ihn ist sie „der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur.“ Bewusstes, vorsätzliches Lügen stellt die Fachleute der Psychologie vor oft nahezu unüberwindbare Probleme. Einer von ihnen, Léon Wurmser, verweist auf die institutionelle Verankerung der bewussten Lüge in Krankenhäusern, Universitäten sowie in Politik, Kultur, Medien und Wirtschaft. Er selbst habe kaum je in einer Institution gearbeitet, wo das Lügen nicht zu einem Hauptinstrument der Macht, der Administration geworden sei und die Weigerung, daran teilzunehmen als Schwäche oder gar als Verrat behandelt worden wäre.

Dies war eine kleine Exkursion in die Kulturgeschichte und in das Wesen der „Lüge“. Wenn man die dargelegten Positionen nochmals durchgeht, bleibt einem nichts anderes übrig als Friedrich Nietzsches Erkenntnis in „Also sprach Zarathustra“ zuzustimmen: „Wer nicht lügen kann, weiss nicht, was Wahrheit ist“. Gemäss Annemarie Piper, spitzt sich das „Rätsel Mensch“ auf die Frage nach dem Bösen zu: Weshalb tun Menschen, was sie nicht sollen, obwohl sie wissen, dass sie das Gute und sich selbst verfehlen? Warum lässt beispielsweise Oscar Wildes Romanfigur Dorian Gray nicht von seinem ausschweifenden Leben ab, dessen mörderische Spuren er doch tagtäglich auf dem Gemälde beobachten kann, das an seiner Stelle altert? Wieso handelt Paul Bütikofer so und nicht anders? Lorenz Frey gibt in seinen Romanen der Diskussion um „Lüge“ und „Wahrheit“ in der Wirtschaft und im Privatleben eine zeitgerechte literarische Form. Genaugenommen stellen seine Romanhandlungen aber auch Fragen nach dem Preis der „persönlichen Freiheit“ und der „offenen Gesellschaft“.

In Lorenz Freys neuem Roman Lügen haben lange Beine ist der bisher aussergewöhnlich erfolgreiche Paul Bütikofer am Tiefpunkt seines beruflichen Werdegangs angekommen. Genaugenommen ist es so etwas wie eine Gnade, dass er vom Sozialamt Erlenbach einen niederschwelligen Arbeitsplatz angeboten bekommt, nachdem ihn sein missglückter Selbstunfall beinahe unter den Boden gebracht hätte. Sein Lebenswille ist mindestens so stark und zäh wie der einer Katze. Alle seine bisherigen wirtschaftlichen Spitzenleistungen haben ihren Glanz verloren. Er hat keine andere Wahl, er muss in den berüchtigten sauren Apfel beissen und die angebotene Arbeit annehmen. Mehr über seine zukünftige Tätigkeit erfährt er von der einfühlsamen Verwaltungsangestellten Frau Müller. Paul Bütikofer bleibt auch in dieser für ihn äusserst unangenehmen Situation mit Leib und Seele Unternehmer. Er entdeckt bald das grossartige Karrierepotenzial, das in der Institution "Sozialamt" schlummert. Mit Logik, Raffinesse, Ideenreichtum und Konsequenz baut er Zug um Zug seinen  beruflichen Aufstieg aus. Das Ziel ist die Rückeroberung seiner früheren Privilegien und des ihm seiner Meinung nach zustehenden Lebensstandards. Lorenz Frey folgt Paul Bütikofers skurrilem Lebenswandel mit ironischer Schärfe und verweist in seinen Romanen darauf, dass das Leben oft gerade dann seinen humoristischen Höhepunkt hat, wenn es besonders tragisch erscheint.

Al'Leu