Im Schatten der StilleLa sombra del silencio
von Marta Elizondo.

 

Zuerst einige Worte zum Sinn und Funktionswandel von Lyrik in den letzten 40 Jahren. Der Zeitraum in dem die Edition LEU besteht. 1975 erschien der Band Wozu Lyrik heute? von Hilde Domin. Beim erneuten Lesen ist mir erst richtig bewusst geworden, wie weit wir von dieser Zeit entfernt sind. Und wie naiv und deplatziert das Selbstverständnis der damals progressiven Lyrikerinnen und Lyriker in der multimedialen Gegenwart wirkt.

Erschreckend ist, wie schnell ein intelligentes Plädoyer für eine moderne Lyrik zur abgelegten Hülle eines verblichenen Zeitgeistes werden kann. Man glaubte damals, eingeteilt in Ost und West, an ein echtes Wiedererstarken der Lyrik. Die Frage nach der Freiheit war für Hilde Domin identisch mit der Frage nach der öffentlichen Wirksamkeit von Lyrik und Kunst. Sie bildet das Zentralthema ihres legendären Buches.

Das Faszinierende an der damaligen Zeit war die Klarheit der Feindbilder. Erinnert sei an den allgegenwärtigen „Klassenfeind“. Ein Wort das heute nur noch Stirnrunzeln verursacht. Die meisten haben keine Ahnung mehr, was dieser Begriff bedeutet. Heute ist er sauber auf Wikipedia archiviert und für Nostalgiker jederzeit kostenlos abrufbar.

Im Rückblick weckt diese Zeit in gewissen Gefühlszuständen wieder vermehrt Sehnsüchte, da man die Weltanschauungen sauber in Kapitalismus und Kommunismus einteilen konnte und immer das Umwerben der Systeme um die „richtige Weltanschauung“ präsent war.

Gute Lyrik war nach dem damaligen Verständnis politisch. Der Rest war reaktionär. Aus diesem Grund wurden meine Anthologien, die ich in den 80er und 90er Jahren herausgab, immer wieder mit negativen Rezensionen bedacht wurde.

In diesen Anthologien veröffentlichte ich Gegenwartslyrik aus dem ganzen deutschsprachigen Raum, die keine Chance bei Grossverlagen

hatte, weil ihre Autorinnen und Autoren zu wenig im öffentlichen Rampenlicht standen, oder weil sie zu eigenwillige literarische Positionen vertraten. Immer wieder wurde mir vorgeworfen, den dort veröffentlichten Gedichten würde es an politischem Bekennen und sozialkritischen Standpunkten fehlen.

Meine Kriterien waren andere: Originalität der Texte und unverbrauchte Themen. Umgang mit der Sprache und deren Gestaltungsform zu autonomen Textkörpern. Phonetische und typografische Experimentierfreude. Die meisten damals ausgewählten und veröffentlichten Gedichte haben auch heute wenig von ihrer Aussagekraft verloren im Gegensatz zu den in jener Zeit hochgejubelten Texten, die heute nur noch Belege einer vergangenen, illusionären politischen Zukunftsgläubigkeit sind. Gegenwärtig sieht die Welt ganz anders aus. Stabile Weltbilder zersetzen sich in der freien Nutzung der Informationsmedien.

Sie verschwinden in der unglaublichen Flut der unreflektierten Meinungen und Ideen, welche den Begriff "Grenze" immer mehr auflösen. Das weltanschauliche Engagement unserer nachwachsenden Generation verhält sich ähnlich wie das Eis in den Polarregionen und die soziale Solidarität schrumpft zunehmend zu einer Aufwand- und Nutzen-Abschätzung. Aber Gedichte erfinden sich erstaunlicherweise immer wieder neu. Ihre Aussagen und Sprachformen sind in einem ständigen Wandel.

Obwohl die Lyrik in der Literaturszene ein Nischendasein führt, findet sie immer wieder zu neuer Legitimation und somit auch Wertschätzung. Die Stärke der Lyrik ist ihre meist kurze Form und ihre mehr oder weniger verschlüsselte Aussage, welche immer wieder von neuem fasziniert und uns reizt, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Gedichte sind emotionale Sprachgefässe. Durch Einfühlung, Vorstellungskraft und Interpretationsgabe der Leserschaft werden diese zunehmend transparenter, bis sie sich auflösen und es zu einer Verschmelzung mit der Erfahrungswelt der Lesenden kommt, welche diese erweitern und vertiefen können. Das Fragen nach dem Sinn des ständigen Werdens und Vergehens ist das zentrale Thema in der Lyrik von Marta Elizondo.

Die Autorin fasst die komplexen Ereignisse und Vorgänge unserer Welt in eine metamorphorische Sprache, welche ihr Wissen und ihr Erleben aus zwei Kulturräumen in sich vereint und verdichtet.

Ihre zur Sprache gebrachte "Stille" versteht Marta Elizondo als einen Freiraum, in dem der moderne Mensch, vor der ihn ständig umgebenden aggressiven und manipulativen Geräuschproduktion, seine Ruhe findet.

Sie ermöglicht Besinnung, Selbsterkenntnis und Empathie und welche die Voraussetzungen für diejenige Gemütsverfassung sind, in der sich die Vorahnung von positiven oder negativen Ereignissen entfalten kann.

Die „Stille“ in der Lyrik von Marta Elizondo wirkt im Schatten, dem ständigen Begleiter der materiellen Existenz. In ihm sammeln sich ihre persönlichen Wünsche und Vorstellungen zu einer Kraft, welche das an ihn grenzende Licht zu einem visionären Zustand werden lässt, der eine lebenswerte Alternative zur Hektik der Gegenwart bietet ...