Tiefsinn und Spontanität

Neue Lyrik von Hans Haab

Auf sehr persönliche Art macht Hans Haab in seinem neuen Gedichtband Sternennacht die Erkenntnis des englischen Philosophen John Locke bewusst, dass das, was unser Denken und Empfinden begreifen kann, kaum ein Punkt ist, also fast gar nichts, im Verhältnis zu dem, was es noch nicht begriffen hat. Hans Haabs Lyrik bringt eindrücklich Johann Wolfgang von Goethes Feststellung zur Sprache, dass das Ausserordentliche nicht auf glattem, gewöhnlichem Wege geschieht: «Blicke oft zu den Sternen empor – als wandelst du mit ihnen. Solche Gedanken reinigen die Seele von dem Schmutz des Erdenlebens». Diesem Rat vom römischen Kaiser und Philosophen Marc Aurel folgt man im vorliegenden Gedichtband Sternennacht von Hans Haab gerne.

Der Autor zeigt in seinen Gedichten, dass innerhalb der Lyrik andere Gesetze und Anforderungen herrschen, als in der hektischen Sprache des Alltags und seinen Medien. Das bedeutet, dass sich die dichterische Vorstellung, Ausdrucksweise und Gefühlswelt nicht dem Rationalen und dem Zweckdenken unterwerfen müssen, sondern sich im grenzenlosen Schöpfungspotenzial der Fantasie sprachlich und metaphorisch entwickeln und entfalten dürfen.

Man muss Heinz Schlaffer recht geben, wenn er schreibt, dass die Lyriker so etwas wie die «Wiedergänger der schamanischen Seher» in einer scheinbar aufgeklärten Welt seien. Hans Haabs Gedichte dürfen neben der Lebenserfahrung und dem Tiefsinn auch das Spontane und Vorläufige des Schönen in sich tragen. Seine Texte sind prozesshafte Erfahrungen aus einem langen und reichen Leben. Die persönliche Emotionalität wird von ihm in eine Sprachform gebracht, welche offen bleibt für neue Inspiration der Lesenden. Hans Haab zeigt in seinen Gedichten, dass sich die zeitgenössische Lyrik längst von ihren Umbrüchen  regeneriert  und durch diese Metamorphose neuen Raum für persönliche Themen und Ausdrucksformen geschaffen hat, der einen befreiten Umgang mit dem vorhandenen Sprachpotenzial und dessen unverwechselbarer Ausdruckskraft möglich macht.

Der Lyriker Hans Haab ist literarisch ein Seelenverwandter von Paul Valéry, für den ein Gedicht machen, selbst zum Gedicht wird.