Der neuen Gedichtband Schnee in Flandern von Al'Leu.

Al’Leu wurde 1953 in Beinwil im Freiamt geboren. Nach seiner Ausbildung zum Steinbildhauer riet ihm sein Lehrmeister Eduard Spörri zu einer Wanderschaft, wie das für Steinberufe schon seit dem Mittealter üblich war. Da Al’Leu schon in Paris gewesen war und Italien ihn damals noch wenig interessierte, entschied er sich für Holland, in der Hoffnung, dort noch mehr vom Können der Alten Meister zu lernen.

Per Bahn und mit bescheidenem Gepäck fuhr er nach  s’-Hertogenbosch. In dieser Stadt hatte der von Leu verehrte Maler Hieronymus Bosch gelebt. Die Kunstschule in s’-Hertogenbosch war für ihn eine grosse Enttäuschung, da es kaum einen geregelten Unterricht gab.

Bald bekam er Gelegenheit, sich bei der Koninklijke Academie voor Schone Kunsten in Antwerpen zu bewerben, die zusammen mit den Akademien in Paris und Rom zu den drei ältesten der Welt gehört. Nach einer einwöchigen Aufnahmeprüfung, einer wahren Rosskur, durfte er sich zu den zehn Prozent Bewerbern zählen, die zum Studium zugelassen wurden. Dank seiner bereits vorhandenen Ausbildung konnte er das üblicherweise vier Jahre dauernde Studium im Fach Bildhauerei um die Hälfte verkürzen. Im Zentrum der Ausbildung stand das lebensgrosse Aktmodellieren mit ständig wechselnden Modellen.

In Schnee in Flandern blickt der heute Einundsechzigjährige auf seine Zeit in Flandern zurück. Damals entstanden Gedichte, die Leu für dieses Buch teilweise leicht anpasste, – sei es aus Gründen des besseren Verständnisses oder einfach, weil er da und dort ein Wort austauschte. Damals wie heute waren es in der Regel zunächst Bilder, die der Bildhauer zuerst vor sich sah. Diese setzte er dann in Gedichte um. Dass dabei Veränderungen in der Lyrik und der Einfluss der Medien in den letzten Jahrzehnten einflossen, liegt auf der Hand. Generelles: Das heutige Flandern hat sich im Vergleich zu damals durch die Förderprogramme der Europäischen Union stark verändert und modernisiert.

In Al’Leus Gedichten begegnen uns Liebe, Verlangen, erotische Träume, Veränderungen und Enttäuschungen. Doch blitzschnell wechseln sie zu Kobolden, Werwölfen oder Faunen über. Es ist pure Phantasie, mit der uns der Autor in seine Welten mitnimmt. Welten, die uns eigentlich nicht fremd sind, die uns jedoch noch nie in dieser meisterhaften Sprache begegnet sind. In einem der Gedichte pflügt sich der Mond im flämischen Moorleben aus dem Gestern in die Gegenwart. Zur Erinnerung: Flandern war in beiden Weltkriegen Schauplatz schwerer Kämpfe. Dabei verwundert es nicht, dass der blutige Boden Flanderns in die Gedichte des damals schon geschichtsbewussten Al’Leu hinein sickerte. Seine Zeit in Flandern war so prägend, dass er heute noch regelmässig vom damaligen Antwerpen träumt.

Es ist immer wieder sprachlich Neues und lyrisch Überraschendes, mit was uns Leu konfrontiert. Und da die Themen oft in der Schattenwelt angesiedelt sind, sind sie uns nicht völlig fremd.

Schnee in Flandern ist ein Querschnitt moderner Lyrik. Die thematische und stilistische Vielfalt, in vollendete Sprache gefasst, überrascht durch das ganze Buch hindurch und wartet immer wieder mit wohltuenden erfrischenden Entdeckungen auf.

Rolf Dorner