Sonnengold
Floristik und die Kunst des Strohflechtens
von Claudia Martin-Fiori

1964 wurde Claudia als erstes Kind der Familie Fiori geboren. Der Vater war katholisch. Er arbeitete als Orientteppichverkäufer für die Firma Teppich Forster in Zürich. Von ihm erbte sie die Emotionalität eines echten Tessiners und die Liebe zur Natur. Von der Mutter stammt die Fähigkeit zur Achtsamkeit und zur Einfühlung. Typisch für die streng protestantische Weltanschauung der Mutter war beispielsweise, dass sie keinen Schmuck trug.

Durch die unterschiedliche Werteauffassung der Eltern war Claudia Fiori emotional hin- und hergerissen zwischen katholischer Lebensfülle und protestantischer Strenge. Vom Vater stammt der Sinn für das Schöne und das Detail, von der Mutter die Fähigkeit zur Ordnung und Klarheit, ohne die es kein überzeugendes Gestalten gibt.

Zusammen mit zwei Geschwistern wuchs Claudia Fiori in einer Dreieinhalbzimmerwohnung an der Rosengartenstrasse in Zürich auf. Für sie, die an der meist befahrenen Strasse der Schweiz den Alltag verbrachte, waren die Aufenthalte im Schrebergarten und in den Bergen von Pany die glücklichsten Momente ihrer Kindheit. Schon mit zwölf Jahren hatte sie den Wunsch Floristin zu werden. Ganz besonders fasziniert war sie damals von den prächtigen Blumen Krämer-Schaufenstern, hinter denen Wasser herabfloss.

Nach der Lehre als Floristin blieb Claudia Fiori noch weitere zwei Jahre in der Stadtgärtnerei Zürich: sie wollte unter anderem wissen, wieviel Zeit eine Blume benötigt, um vom Sämling über die Pflanze zur vollen Blüte zu reifen, aber auch, ob es so etwas wie eine Ethik des Blumenschneidens gebe.

Claudia Fiori kam zur Erkenntnis, dass „eine Schnittblume den Auftrag erfüllen soll, mit ihrer Anmut, ihren Farben und ihrer Unschuld Herzen zu berühren und zu öffnen“.

Dieser Aufgabe wollte sie als Floristin gerecht werden. Zuerst arbeitete sie als Gärtnerin und Floristin im Waid-Spital; anschliessend im Kinderspital Zürich als Obergärtnerin mit der Verantwortung für drei Gärtner.

Durch ihre Tätigkeit konnte sie dort viel Freude bereiten und auch manches Leid lindern.

Mit 25 Jahren heiratete sie den Arzt Ernst Martin. Mit in die Ehe kamen der 16jährige Gian und die 12jährige Andrea. Das eigene Blumengeschäft Fioriz löste sie gegen die bezaubernde Tochter Alice ein, was sie nie bereut hat.

Mit 40 Jahren legte Claudia Martin-Fiori die Berufsprüfung und danach die Meisterprüfung im Fachbereich „Floristik“ ab.

Da in der Floristik das Handwerk immer mehr vom oberflächlichen Accessoires-Denken und von der Zeit-ist-Geld-Mentalität vereinnahmt wird, beschloss sie, ihr Wissen an Interessierte weiter zu geben. Die Migros Kubschule Zürich stellte ihr die dazu notwendige Plattform zur Verfügung.

Der soeben erschienene Bildband Sonnengold, den Res Perrot mit den Fotos von Werner Lüthy, Pascal Meier, Michael James McClean, Lukas Künzi und Texten von Birgit Schlieper und Al’Leu gestaltet  hat, führt uns in die florale Welt von Claudia Martin-Fiori.

Im Zentrum der Publikation steht ihre Kunst des Strohflechtens. Dieses Handwerk wurde früher von der ländlichen Bevölkerung in Heimarbeit betrieben. Im 19. Jahrhundert entstand in einigen landwirtschaftlich geprägten Regionen Europas ein blühender Industriezweig daraus. Europas bedeutenstes Zentrum der Strohverarbeitung bildete sich in der Region Wohlen im Kanton Aargau. Die Produktherstellung und das Verarbeiten von Stroh hat in den frühen 1970er Jahren ihre Bedeutung verloren. Claudia Martin-Fiori entdeckte das Stroh für das eigene Schaffen und verhalf ihm zu neuer zeitgemässer Ausdruckskraft. Die Floristikkünstlerin begegnete mir, als sie sich vornahm, eine Granitskulptur zu schaffen. Diese verkörpert eine Gegenwelt zu ihren zerbrechlichen floralen Kunstwerken. Hier trafen sich die Gegensätze „Ewigkeitsdenken“ und „Momenterfahrung“.

Der vorliegende Band Sonnengold zeigt Beispiele von Claudia Martin-Fioris Darstellungskraft, mit der sie vegetative Sinnbilder des Schönen schafft, die auf das Werden und Vergehen verweisen mit der eindeutigen Botschaft, dass das Leben am wertvollsten im gelebten Moment ist ...