„Einem Arzt, der nichts verschreibt, zürnen die Kranken und glauben, sie seien von ihm aufgegeben“, klagte schon Epiktet, der von 50 bis 135 n.Chr. lebte. 

Diese Aussage zeigt, dass ein grosser Teil der Patienten schon früh an die Wunderkraft von Medikamenten glaubte und sich wenig um die tatsächlichen Ursachen von Krankheiten kümmerte.

Philippe Daniel Ledermann schildert in seinem neuen Roman Ärzte auf Abwegen die Folgen einer Medizin, für welche die Medikamentengläubigkeit der Patienten unserer Gegenwart ein willkommenes Geschäftsmodell ist.

Neben vielen einwandfreien Medikamenten gibt es auch solche ohne eigentliche Wirkstoffe, die Schmerzen lindern können. Ihre Wirkung ist nicht selten ebenso gut wie die der echten: Erwartung und Glaube reduzieren beim sogenannten Placebo-Effekt den Schmerz. Eine Erkenntnis, die bekannt, vielfach untersucht und weitgehend unbestritten ist. Zwischen nachweisbarer Wirkung und der Suggestivkraft von Medikamenten gibt es Freiräume für unseriöse, eigennützige Erzeugnisse der Pharma- und Medizinalindustrie. In einer Zeit der ständigen Bilanzoptimierung fühlen sich Spitäler und Praxen verpflichtet, Rendite ausweisen, um nicht in der Öffentlichkeit Ansehen einzubüssen. Eine ständige Steigerung der Patientenzahlen und die Ausweitung des Krankheitsbegriffes bieten Lösungsansätze für dieses Problem. Die Pharmaindustrie verwendet auch innovative Tricks, indem sie mit alten Medikamenten noch mal ganz neu Geld verdienen kann: Wenn beispielsweise ein bewährtes Krebsmedikament aus dem Handel genommen wird, um danach unter neuem Namen als Mittel gegen Multiple Sklerose wieder auf dem Markt aufzutauchen – für ein Vielfaches des ursprünglichen Preises!  Bei Klagen von Medikamentengeschädigten gibt es immer wieder Fälle, in denen die Justiz die Ethik so ausdünnt, dass sie den Pharma-Riesen nicht auf die Füsse treten muss und die Hersteller sogar von den  Opfern noch Schadenersatz fordern können und sie so als angeschmierte Schuldner ihrem Schicksal ausliefern. Die globale Pharmaindustrie steckt in der Krise. Steigender Preis- und Kostendruck, strengere Zulassungsregeln und auslaufende Patente machen Medikamentenherstellern weltweit zu schaffen. Die Gewinne schrumpfen trotz guter Umsätze. Die Firmen lassen sich deshalb eine ganze Menge Tricks einfallen, ihre Produkte an die Patienten zu bringen: Sie kooperieren mit Ärzten und Kliniken, legen Medikamente neu auf, die teurer, aber nicht unbedingt besser sind oder setzen auf Mittel für seltene Krankheiten, um höhere Preise durchzusetzen. Experten sehen in gewissen Bereichen die Arzneimittelsicherheit in Europa in Gefahr. Immer wieder kommen Medikamente auf den Markt, deren Risikofaktoren viel zu wenig erforscht  sind. Mit Macht und Gier, einer grossen Chemieindustrie und ein paar willigen Ärzten und Kliniken lassen sich spektakuläre Komplotte konstruieren. Das Niederschmetternde ist, dass es in der Realität leider noch viel schlimmer ist. 

Die Opfer sind nichts ahnende Kranke, wie das Philippe Daniel Ledermann literarisch aufzeigt. Sein Roman Ärzte auf Abwegen, der auf wahren Ereignissen beruht, erzählt vom Geschehen um die Markteinführung eines Medikamentes, das grossen Schaden angerichtet hat, statt zu helfen. Er schildert den Charakter von Ärzten, die als Handlanger der Pharmaindustrie beteiligt waren, um ihre Karriere und ihren gesellschaftlichen Status zu optimieren, aber auch, wie die Medikamentenproduzenten Forschung und Fortbildungen finanzieren und so ihre Klientel an sich binden, um den ständigen Anstieg ihres Profits zu sichern. Es sind keine Lichtgestalten ihres Berufsstandes, die den Roman Ärzte auf Abwegen von Philippe Daniel Ledermann bevölkern. Ihr Handeln zeigt, dass die einstigen „Halbgötter in Weiss“ in vielen Bereichen dem Niveau nahekommen, das mit dem Geschäftsgebaren im Autohandel vergleichbar ist:  Neben vielen ehrlichen gibt es rücksichtslose Berufsleute, die auf Kosten ihrer Kunden nichts auslassen, um ihren persönlichen Gewinn zu steigern.

Es ist aussergewöhnlich mutig, wenn sich ein Schriftsteller, der selber Medizin studiert hat, mit dubiosen Machenschaften von Ärzten auseinandersetzt, welche gegen die Ethik des Hippokratischen Eides verstossen, in welchem es heisst: „Ich will zum Nutzen der Kranken eintreten, mich enthalten jedes willkürlichen Unrechts und jeder anderen Schädigung …” Philippe Daniel Ledermanns berufskritischer Roman, in dem er die dunklen Elemente seiner Berufsgruppe markiert, ist in seinem Kern eine Würdigung all der unbescholtenen Ärztinnen und Ärzte, sowie der in den Medizinalberufen tätigen Menschen, die mit grossem Verantwortungsgefühl das Leiden erkrankter Menschen zu beseitigen oder zumindest deren Schmerzen zu lindern versuchen. 

Al‘Leu