Das Überraschende im Erlebten

Durch das Erzählen erfahren Lesende eine Erweiterung ihres eigenen Erlebnishorizontes. Lesen ist gemäss Jean-Paul Sartre «gelenktes Schaffen». Das heisst, beim Lesen werden die von dem Autor oder der Autorin beschriebenen Ereignisse und Vorgänge mit den Erinnerungen und Erfahrungen der Lesenden angereichert, was ein Gedicht, eine Erzählung oder einen Roman zu einem persönlichen literarischen Erlebnis mit viel individueller Wertschöpfung werden lässt.

Das literarische Herumexperimentieren beim Erzählen und das Verfremden des Erzählten verliert seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts zunehmend seine Reize und Faszination. Schon im ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts führte Carl Einstein im Roman «Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders» eine Leserschaft in eine irreale Unverständlichkeit. Die Dadaisten demontierten die Logik des Sinns. Andere Literaturschaffende wurden Opfer ihres Schreib-Narzissmus, der ihnen die Sicht hinter ihr eigenes Tintenfass vernebelte.

Erst jetzt, in der sogenannten Postmoderne, wird das altmodische Erzählen wieder aktuell. Man entdeckt plötzlich die alte Erkenntnis, dass man so erzählen muss, dass man von den Lesenden auch verstanden wird. Die Literaturschaffenden haben den Lesenden auch wieder etwas mitzuteilen: ihre erfundenen oder wahren Geschichten.

Ein Schriftsteller, der wahre Geschichten erzählt ist Philippe Daniel Ledermann. Dass er ein grosses Epik-Talent ist, erfahren wir in seinem vierbändigen autobiografischen Roman Die Papiereltern. Die Literaturkritik hat ihn als modernen Jeremias Gotthelf bezeichnet. Man kann dieser Bezeichnung mit gutem Gewissen zustimmen, aber so einfach ist Philippe Daniel Ledermanns Schreiben nicht einzuordnen. Er ist ein Erzähler, der das Überraschende im Erlebten liebt. Mich fasziniert vor allem, wie er unfreiwillige Komik im Alltagsgeschehen aufspürt und die daraus entstehenden Situationen und Ereignisse in Geschichten fasst, die man gerne liest.

Das neue Buch Mörder auf der Flucht ist eine Sammlung von wahren Geschichten, Gedanken und Gedichten mit lebensentschlackenden Erfahrungskonzentraten von besonderen, oft auch seltsamen Menschen, welche die Regeln der verwalteten Welt über- oder unterschreiten.

Die Texte sind grandios erzählt und voller unerwarteter Ereignisse: Ein Gangsterduo erzeugt in der ganzen Schweiz eine bisher nie gekannte Angst. Es inspiriert Eltern zu Erziehungsmethoden, welche die Phantasie der betroffenen Kinder ins Grenzenlose ausufern lässt. Dass die optische Erscheinung einer Person mit ihrem wahren Charakter wenig zu tun hat, zeigen weitere Geschichten.

Während ein Einfältiger eine kulturelle Karriere macht, erweist sich der grässliche Mundgeruch einer Frau als Start für ein neues Leben. Ein junger Mann aus den Freibergen erlebt an seinem Geburtstag alles andere, als das Ideal seiner Freiheitsvorstellung. Beim Essen in einem Restaurant wird ein Gast Zeuge eines Mordplans. Trotz allem Bemühen schafft er es nicht, die Polizei zu alarmieren. Dass nicht alle Erfinder schon in den ewigen Jagdgründen sind, beweist ein Fortbildungsseminar. Ein Lokomotivführer verführt drei Kaminfeger mit einem schlauen Trick zu einem seltsamen Ballett.

Philippe Daniel Ledermanns Texte sind ein literarisches Plädoyer für individuelle Denkräume der Besonnenheit, welche der Erkenntnis dienen, dass der Schmerz ein genauso persönlichkeitsbestimmender Zustand ist wie das Glück und die Freude. In seinen Texten plädiert der Autor für eine persönliche Ethik der Distanz, die bewusst macht, dass man nur sein eigenes Herz betrügt, wenn man sich zu sehr auf sein soziales Umfeld verlässt …